Offener Brief an den Oberbürgermeister der Stadt Aachen



Sehr geehrter Herr OB Philipp,

mit großem Interesse haben wir einem Artikel von Herrn Werner Czempas in den „Aachener Nachrichten“ von Samstag, 30.5.2020 zur Kenntnis genommen, in dem Sie, Herr Philipp, ein „September Special Extra“ mit einem „dezentralen Konzept, das in alle Bezirke hinein ausstrahlen soll“ ankündigen.

Aus unserer Sicht bedauerlich ist jedoch, dass Ihnen hier „maximal ein Karussell in kleiner Form und ein, zwei Buden“ vorschweben, ein solches Konzept allerdings „ohne Bühnen- und Konzertprogramm auskommen müsse“.

Selbstverständlich finden wir es toll, dass Sie auf diesem Wege den aufgrund von Veranstaltungsabsagen enorm gebeutelten Schaustellerfamilien die Möglichkeit geben wollen, einen Teil ihrer dramatischen Umsatzeinbußen abzufedern, jedoch sind wir als Bühnenkünstler von der aktuellen Situation im Allgemeinen wie auch der Absage beispielsweise des „September Special“ im Speziellen ebenso finanziell betroffen.

Unsere Einnahmen aus öffentlichen und privaten Auftritten sind seit Anfang März auf Null gesunken. Die Zahl der Stornierungen steht aktuell bei 25 Konzerten, Tendenz steigend, Ende offen. Dabei sind diese Auftritte weder ein Hobby noch eine reine Nebentätigkeit, sondern ein essentiell wichtiger Teil unserer Erwerbstätigkeit. Auch sind wir nicht etwa arbeitslos geworden, denn die Auftragslage war gut, sondern aufgrund der Pandemie mit einem Berufsverbot belegt worden. Die bisherigen Hilfsmaßnahmen seitens Bund und Ländern für Solo-Selbstständige gehen leider an unserer Lebensrealität wie auch der vieler Kollegen weitestgehend vorbei.

Wir sind sicher, dass Aachen sich auch in Krisenzeiten als eine attraktive Stadt mit einem nicht nur gastronomisch, sondern auch kulturell vielfältigen Angebot für die hier lebenden Menschen versteht.

Daher würden wir uns freuen, wenn man auch für die Künstler, die öffentliche Veranstaltungen ebenso maßgeblich zu einem Erlebnis machen wie die Schausteller, alternative Konzepte erarbeiten würde, die es möglich machen, den Belastungen durch die aktuelle Lage positiv entgegen zu treten und gleichzeitig einen Beitrag zur Lebensqualität in unserer Stadt zu leisten.

Wir als Band sind in dieser Hinsicht nicht untätig, wie Sie an unserem Internet-Auftritt ablesen können. Daher möchten wir Ihnen einen konkreten Vorschlag unterbreiten.

Bei einer spontanen privaten Zusammenkunft im Frankenberger Park, in dessen unmittelbarer Nähe wir alle wohnen, haben wir am vergangenen Freitag ein wenig musiziert. Dies wurde von den Menschen, die sich in Kleingruppen zu diesem Zeitpunkt dort aufhielten, sehr positiv aufgenommen. Es kam weder zu Menschenansammlungen noch zu Verstößen gegen die aktuellen Kontaktbeschränkungen, alle verhielten sich sehr rücksichtsvoll und vernünftig, blieben in ihrer Gruppe und freuten sich über die Musik. Ein ebenso spontan entstandenes Video auf unserem YouTube-Kanal haben wir als Beleg unter diesem Brief verlinkt.

Wir würden dies, mit ihrer Unterstützung, in den Sommermonaten, wenn das Wetter es zulässt, gerne regelmäßig tun, um den Menschen in unserer Nachbarschaft eine Freude zu bereiten. Wir würden uns freuen, wenn die Stadtverwaltung, speziell die Mitarbeiter des Fachbereichs Sicherheit und Ordnung sich bereit erklären würden, uns dabei zu helfen, dass es nicht zu unangemessenen Menschenansammlungen kommt, was aufgrund der speziellen Lage und Zugänge hier sicherlich vergleichsweise einfach möglich wäre.

Wenn Sie sich darüber hinaus vorstellen könnten, unser Konzept durch die Bereitstellung einer kleinen Bühne im oder am Rand des Parks zu unterstützen, könnte hier möglicherweise sogar ein nachahmenswertes Beispiel für andere Städte und Gemeinden mit ähnlichen Vorhaben entstehen. Vergleichbare Konzepte für bspw. Picknick-Konzerte werden schon an vielen Orten durchgeführt und sind auch in Nachbargemeinden in der Städteregion bereits in Planung.

Zwar sind wir normalerweise der Ansicht, dass Künstler ihre Leistungen nicht umsonst anbieten sollten, angesichts der speziellen Situation wären wir aber bereit, mit Blick auf unsere Vergangenheit als Straßenmusiker, auf Spendenbasis aufzutreten.

Wir würden uns über eine diesbezügliche Kontaktaufnahme sehr freuen und hoffen, mit unserem Vorschlag in diesen Zeiten einen Beitrag zur Erhaltung der Attraktivität des städtischen Lebens leisten zu können.

Mit freundlichen Grüßen,

Bernd Weiss, Heiko Wätjen und Yann Le Roux, das Lagerfeuer-Trio

Link zu dem oben erwähnten Video: https://www.youtube.com/watch?v=iT8-dTvDu4o